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PolitikLibanon

Libanon: Angespannte Ruhe auf der "Syrien-Straße"

Diana Hodali
18. März 2024

Viele Jahre lang war die "Syria Street" in Tripoli so etwas wie ein Mikrokosmos für den Krieg im Nachbarland und Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen. Und heute?

Ein Mehrfamilienhaus mit blauen Balkonen, auf denen Wäsche hängt, an einer belebten Straße mit vielen Autos und Passanten
Tagsüber ist die Syrien-Straße auch eine wichtige Verkehrsader in TripoliBild: D. Hodali/DW

Wer im nordlibanesischen Tripoli auf die große Syria Street, die "Syrien-Straße", einbiegt, fährt vorbei an Gebäuden mit Einschusslöchern, an Müll, der seit Wochen nicht abgeholt wurde, aber auch an sauber aufgestellten Sitzmöbeln zum Verkauf, die beinahe dazu einladen, mitten auf der Straße Platz zu nehmen - als würde man sich in ein großes Freiluft-Wohnzimmer setzen. Die Menschen, die entlang der Straße leben, kennen sich alle; viele sind hier aufgewachsen, haben ihr ganzes Leben hier verbracht.

Über die einst lebhafte Straße der frühen 1900er Jahre wurden Waren aus Beirut kommend ins heutige Syrien transportiert. Das hat ihren Bewohnern damals zu einigem Wohlstand verholfen. Davon ist heute jedoch nicht mehr viel übrig geblieben. "Die Syrien-Straße ist bekannt für ihre vielschichtige Bevölkerung und auch für Zeiten voller Spannungen und Konflikte", sagt Jihan Takla von der Nichtregierungsorganisation Utopia, die direkt an der Straße angesiedelt ist und sich für soziale Gerechtigkeit und Versöhnung einsetzt.

Kleinere Geschäfte, Werkstätten, Supermärkte - alles ist auf der Syrien-Straße zu findenBild: D. Hodali/DW

Die Narben der Geschichte 

Die Narben dieser Konflikte trägt die Straße heute sichtbar nach außen. Die Wände erzählen Geschichten von Kampf und Gewalt. Denn die Syrien-Straße durchschneidet die teils verarmten Viertel Bab al-Tabbaneh und Jabal Mohsen, die viele Jahre in rivalisierenden Kämpfen entlang konfessioneller Linien versunken waren. Seit 2008 hatten sich verfeindete Milizen in diesen Vierteln immer wieder Schießereien geliefert. Diese Gewaltausbrüche nahmen dann zwischen 2011 und 2015 an Intensität zu, als der Ausbruch des Syrien-Kriegs alte Ressentiments und politische Gräben zwischen den beiden Vierteln verschärfte, die bis in den libanesischen Bürgerkrieg zurückreichen.

Mit Ausbruch der Kämpfe in Syrien stellte sich das alawitisch geprägte Viertel Jabal Mohsen auf die Seite des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Das sunnitische Viertel Bab el-Tabbaneh - mit historischen Verbindungen ins syrische Homs, nach Hama und Aleppo - unterstützte die damaligen Rebellen. Mehrere Jahre lang verwandelte sich die Straße in ein Schlachtfeld. Hala, aufgewachsen in Bab el-Tabbeneh, erinnert sich noch gut daran: "Mein Bruder war damals noch ein Teenager, er wurde angeschossen und sitzt seither im Rollstuhl."

Hala hat fünf Kinder und kümmert sich zudem um ihren BruderBild: Diana Hodali/DW

Die unruhige Straße wurde zu einem Mikrokosmos für den Krieg in Syrien und zu einer Frontlinie, die ihren Namen mehr denn je rechtfertigte. Junge Libanesen, die in Tripoli lebten, bekämpften sich gegenseitig und waren bereit, für eine Sache zu sterben, die nicht ihre eigene war. Bis die Gewalt, plötzlich und unverhofft, mit einem Einsatz der libanesischen Armee im Jahr 2015 ein Ende nahm. Das Gebiet steht auch heute noch unter der Aufsicht des Militärs. Verschiedene Nichtregierungsorganisationen versuchen seither, die Spannungen abzubauen und Frieden zu schaffen, sagt Jihan Takla von Utopia.

Verarmtes Tripoli, verarmte Syrien-Straße

In weiten Teilen gelingt das auch, obwohl die gesamte Stadt in keinem guten Zustand ist: Tripoli hat etwa 500.000 Einwohner. Es ist die zweitgrößte Stadt des Libanon, 85 Kilometer nördlich der Hauptstadt Beirut gelegen und nach einem Bericht der Weltbank eine der ärmsten Metropolen entlang der gesamten Mittelmeerküste. Die Wirtschaftskrise, die der Libanon seit 2019 erlebt, hat die Stadt in eine noch tiefere Krise getrieben – und damit auch die Gegend um die Syrien-Straße, die schon zuvor von hoher Jugendarbeitslosigkeit und Armut geprägt war. Viele junge Männer aus Tripoli haben auf Booten versucht, das Land über das Mittelmeer zu verlassen, viele sind dabei ertrunken. Auch junge Männer von der Syria Street.

Vom alten Glanz der Syrien-Straße ist heute nicht mehr viel zu sehenBild: D. Hodali/DW

"Jetzt gibt es hier zwar keine offenen Kämpfe mehr", sagt die 40-Jährige Hala, "aber dafür haben wir andere Sorgen". Drogen sind ein Problem, das sie benennt, Kriminalität ein anderes. "Das Gebäude, in dem ich lebe soll einsturzgefährdet sein, weil es nicht instand gehalten wird", sagt Hala. "Aber wo sollen wir hin, wir haben keine andere Wahl, als zu bleiben." Außerdem kümmert sich Hala seit dem Tod ihrer Mutter auch um den Bruder im Rollstuhl. Wegziehen käme also schon deshalb nicht in Frage.

Angespannte Ruhe und lokale Anführer

"Die Syrien-Straße ist eine vernachlässigte Gegend", sagt Nadine Alidib. Sie hat zehn Jahre für eine Organisation auf der Syrien-Straße gearbeitet, bis sie schließlich den Kulturraum "Warche13" und das Kulturzentrum Marsah in Tripoli gegründet hat. "Es gibt keine staatliche Kontrolle und keine Ordnung. Es gibt kein menschenwürdiges Leben, kein sauberes Wasser, keine sauberen Straßen, keinen Schutz."

In diesem Gebäude arbeitet die Organisation Utopia Bild: D. Hodali/DW

Ob Stromausfälle, Müllentsorgung oder Mangel an sauberem Wasser: "Die Menschen müssen ihre Probleme hier irgendwie allein lösen", sagt Jihan Takla von Utopia. Gerade erst haben ehemals verfeindete Kämpfer gemeinsam unter der Leitung der libanesischen Organisation March solarbetriebene Straßenlaternen in den beiden ehemals verfeindeten Stadtteilen rund um die Syrien-Straße angebracht, damit die Menschen sich nachts sicherer fühlen. Ehemalige Feinde kommen sich näher. Die Wirtschaftskrise habe dort alle gleichermaßen in die Knie gezwungen, hört man die jungen Menschen auf der Straße sagen. Für die einen ist sie die größte Herausforderung. Für Menschen wie Hala sind es auch die Drogen und die Waffen, die in Umlauf sind; es sind lokale Führer, die hier das Sagen haben. 

"Die Syrien-Straße spiegelt aber auch die Widerstandsfähigkeit und das Durchhaltevermögen ihrer Bewohner inmitten aller Widrigkeiten wider", so Jihan Takla von Utopia. Die einst getrennten Gruppen lernen wieder zusammenzuleben, treten füreinander ein. Aber Jihan Takla weiß auch, dass die Lage angespannt bleiben wird. Auf der Syrien-Straße kann die Gegenwart jederzeit von der Vergangenheit eingeholt werden. Es braucht nicht viel, um alte Wunden hier wieder aufzureißen.